Jahresrückblick 2020: Mut tut gut!

Reisen Weltkarte

Warum sollte ich ausgerechnet jetzt mit dem Bloggen anfangen? Gibt es nicht schon so viele? Interessiert es überhaupt jemanden, was ich zu sagen habe? Selbst wenn es der einzige Beitrag auf dieser Seite bleibt und meine Zeilen niemand liest. Es war ein so besonderes, einschneidendes Jahr, dass ich das Erlebte festhalten möchte… soll… muss… Ich verspreche mir regelmäßig, auf meine Intuition zu hören. Das tue ich in diesem Fall. Es muss in die Welt hinaus. Irgendwann wird es einen Sinn geben, und ich werde dankbar sein. Nicht nur für diesen Text, sondern für all das, was ich 2020 erleben durfte.

Meine Pläne für 2020: anders als bisher und anders als andere

2019 war ein turbulentes Jahr für meine Firma Radissimo und für uns persönlich. Wir sind umgezogen, und ich habe viele Projekte angestoßen. Leider sind nur die Kleinen geglückt und das Große, das Wichtige, das Entscheidende ist gescheitert: ein neues Reservierungssystem inklusiver neuer Website. Es brauchte Zeit, mich und die Firma neu zu sortieren und die Fehler zu verdauen.

Das sollte im Jahr 2020 anders werden. Ich nutzte die Feiertage und Weihnachtsferien wie immer, um zurück zu blicken. Dieses Mal ein ganzes Jahrzehnt. Von 2010 bis 2019. Was habe ich erreicht? Was will ich mitnehmen? Was lasse ich los? Wo will ich im nächsten Jahr hin? Was soll bis 2030 passieren? Ich schreibe alles in einen mehrseitigen Brief an mich selbst. Darin schmiede ich Pläne, notiere was mir wichtig ist und gebe dem Jahr 2020 das Motto: „MUT“. Ich möchte mutig sein, mutige Entscheidungen treffen, andere Wege gehen als bisher und andere Wege gehen als alle anderen.

Ich konnte damals noch nicht ahnen, wie viel Mut und Kraft mir 2020 abverlangen wird.

Neue Wege mit Bewegung, Zeit und Struktur

Mut heißt, die vertraute Komfortzone zu verlassen. Wie schaffe ich es, nicht mehr in alte Muster zu verfallen, sondern neue Wege zu gehen? Ich kenne mich seit 41 Jahren, habe viele Coachings, Trainings, Therapie und Persönlichkeitstests hinter mir. Inzwischen weiß ich, was mir gut tut. Mir ist klar, was ich brauche, um zufrieden zu sein, um erfolgreich zu sein, um Kraft für meine Familie, meine Mitarbeiter, mein Unternehmen und vor allem für mich selbst zu haben, um kreativ zu sein und um einen klaren Fokus zu haben, um Ziele zu erreichen:

  1. Bewegung an der frischen Luft.
  2. Zeit und Pausen, um zu Reflektieren und zur Ruhe zu kommen.
  3. Planung und Struktur im Alltag und Büro.
  4. Positive Gedanken und Affirmationen.

Zwei Hilfsmittel habe ich für mich entdeckt: 1. Das 21/90-Erfolgsjournal – endlich habe ich ein Buch, das mir hilft meinem Leben und Unternehmen Struktur und konkrete Ziele zu erreichen, regelmäßig zu reflektieren, Erfolge zu feiern und aus Fehlern zu lernen. 2. Das Achtsamkeitstrainig MBSR (Mindfulness-Based Stress Reduction), das ich im Winter wieder auffrische. Vor fast 10 Jahren hat mich das 3-Monats-Programm verändert. Ich habe seitdem viel mit mir und meinem angelernten Verhalten beschäftigt und Vergangenes aufgearbeitet und hinter mir gelassen. Seitdem hat mich das Thema MBSR mit der Kombination aus Bewegung, Meditation und Gefühle im Hier und Jetzt zulassen nicht mehr losgelassen. Der damalige Abschlusstag war wenige Tage vor der Geburt meiner großen Tochter. Eine bessere Vorbereitung aufs Muttersein hätte mich mir nicht wünschen können. Dieses Mal gab es keinen Abschlussabend. Abgesagt, wegen Corona! Trotzdem war ich in den ersten Monaten des Jahres klar und ganz bei mir. Wer weiß, welche Entscheidungen ich ohne diese wertvollen Abende getroffen hätte?

Reisepläne: Leipzig und Ende

Unser Jahr planen wir als Familie von Urlaub zu Urlaub. Zwei Vollblut-Reiseveranstalter (Radissimo und Hirsch Reisen), das heißt Unterwegssein, wann immer es unser Terminkalender zulässt. Wir hatten viel vor dieses Jahr. Neben Ausflügen zu Freunden und Verwandten hatten wir Ende 2019 schon alle großen Reisen geplant und fest gebucht.

  • Fünf Tage Städtetrip nach Leipzig ohne Kids
  • Zwei Wochen Osterferien Camping an der Cote d’Azur – storniert!
  • Pfingsten Familientreffen im Schwarzwald, anschließend eine Woche Wien – storniert!
  • Drei Wochen Sommerferien Zeeland – Lille – Normandie – Paris – Strasbourg – umgebucht auf Traunsee im Salzkammergut
  • Herbstferien im Schwarzwald – nur zwei Tage vor dem nächsten Lockdown
  • Winterurlaub in Bayern bei der Familie – storniert!

Doch alles kam anders. Bekanntlich stand die Reisewelt von einem Tag auf den anderen Mitte März still: Grenzen schließen, Reisewarnungen für Europa, Flugbetrieb eingestellt, Restaurants und Hotels schließen. Unfassbar, aber wahr. So bleibt Leipzig der einzige Urlaub, der laut Plan stattfand. Alles andere wurde storniert, und ein Plan B musste herhalten.

Ich erinnere mich genau. Stefan und ich freuen uns auf die kinderfreien Tage über Fasching. Die Mädels ziehen mit den Großeltern von Umzug zu Umzug, während wir Leipzig erkunden. Eine großartige Stadt! Wir gucken Tageschau – was gleichbedeutend ist mit Urlaub, da wir keinen Fernseher besitzen und nur im Hotel die Gelegenheit nutzen. Ich sehe Bilder aus China. In dem Moment fühle ich, dass uns große Veränderungen bevorstehen. Das Gefühl werde ich nicht mehr los. Im Gegenteil, es wird täglich stärker.

Saisonauftakt wird zur Abschiedstour

Freitag der 13.3.2020. Es sollte unsere Saisoneröffnung werden. Ein Tag mit dem E-Bike durch die Weinberge in der Pfalz. Das gesamte Team von Radissimo und Genussradeln, mit Teamspielen, Pralinenverkostung, Weinproben und leckerem Essen. Ein kleiner Teamevent als Dankeschön, kombiniert mit einer Infotour. Ich stehe am Treffpunkt und möchte unseren Tag für Social Media dokumentieren. Ich halte die Kamera hoch und setze an: „Heute nehme ich euch mit in die Pfalz. Wir eröffnen die Radreise-Saison!“. Ich lasse die Kamera sinken und denke „Kein Saisonauftakt, sondern es wird unsere Abschiedstour“. Der Gedanke ist schnell wieder weg, und wir genießen einen großartigen Tag und haben viel Spaß.

Gerüchte gab es bereits. Nach dem Mittagessen im Restaurant Sesel steht es endgültig fest: die Schulen werden ab kommendem Dienstag in Baden-Württemberg schließen. Bei der letzten Teambesprechung sagte ich noch, wenn die Schulen schließen, machen sie die Geschäfte und Grenzen auch dicht. Keiner glaubte daran, aber ich war mir sicher, dass es so kommen wird. Und vor allem nicht für zwei Wochen, sondern für Monate. Das Virus hat seine eigenen Regeln. Später heißt es, ich könnte hellsehen 😉

An das darauffolgende Wochenende erinnere ich mich vor allem daran, dass ich auf der Couch oder im Bett lag und in die Luft starrte: machtlos und kraftlos. Wo nur sollte das hinführen? Was passiert mit meiner Firma, wenn man nicht mehr reisen kann? Muss ich alle MitarbeiterInnen entlassen? Kann ich nach 15 Jahren einfach aufgeben? Wovon sollen wir leben, wenn der Tourismus unsere Familie ernährt? Existenzängste, Ohnmacht, Wut.

Nach zwei schlaflosen Nächten fasse ich morgens um 4 Uhr den Entschluss. Ich habe Angst, große Angst! Gleichzeitig fühlt sich die Entscheidung absolut richtig an. Ich bereite mehrere E-Mails vor. Mein Mann kommt in die Küche. Unter Tränen eröffne ich ihm, dass ich für Radissimo Insolvenz anmelden werde. Ich brauche den Sonntag im Büro, um alles in die Wege zu leiten. Er nimmt mich in den Arm und bestärkt mich.

Ich hoffe, dass die Radtour ins Büro den Entschluss mit dem Fahrtwind weg bläst. Stattdessen sagen Kopf und Bauch, dass ich das richtige tue. Auch wenn es mir das Herz bricht. Mir ist klar, dass mich nicht alle Menschen verstehen werden. Solange die Menschen, die für mich zählen, zu mir halten und meine Reise mitgehen, wird alles gut ausgehen. Ich weiß, dass es der richtige Weg für mich ist. Jetzt gilt es allen Mut zusammenzunehmen und ins Ungewisse zu springen.

Zuerst informiere ich meinen langjährigen Unternehmensberater Thomas Täge. Meine Finanz- und Liquiditätsplanung mit verschiedenen Szenarien für den bevorstehenden Lockdown zeigt klar, dass es eng wird. Ohne Reisen können wir noch maximal drei Monate ohne zusätzliches Kapital durchhalten. Aber was dann? Und woher soll das Geld kommen? Selbst wenn die restliche Saison normal läuft (woran ich nie geglaubt habe), können wir nicht ausreichend erwirtschaften, um den Winter (Monate ohne Einnahmen) zu überstehen. Die Rücklagen waren in die großen Projekte 2019 geflossen und hätten mit einer erfolgreichen Saison 2020 aufgefüllt werden sollen. Hätte, hätte, Fahrradkette!

Ich schicke die E-Mails an meine Familie und trete von meinem liebgewonnen Ehrenamt im ADFC-Vorstand zurück. Tränen fließen ohne Ende, während ich die Unterlagen für den Insolvenzantrag zusammenstelle und das Büro aufräume.

Zwei Tage später werfe ich schluchzend das Kuvert beim Amtsgericht ein. Es liegen lange Gespräche mit meiner Familie, meiner langjährigen Erfa-Gruppe vom forum anders reisen e.V., mit meinem Unternehmensberater und wichtigen Geschäftspartnern hinter mir. Während mich wenige Menschen bestärken, versuchen mich viele umzustimmen. Auf staatliche Hilfen, Änderungen im Insolvenzrecht oder verzögerte Rückzahlung von Kundengeldern will ich mich nicht verlassen. Das und ein Berg an Schulden, die ich, egal wie sehr ich mich bemühe, in den nächsten Jahren nicht zurückzahlen kann, sind nicht mein Weg. Mein Entschluss steht fest. Mein Dickkopf siegt – glücklicherweise!

Zwischen Hoffen und Homeschooling

Der Insolvenzverwalter tritt in mein berufliches Leben, während wir unseren privaten Alltag neu sortieren. Unsere damals 8-Jährige macht erstmalig Hausaufgaben daheim. Eine neue Erfahrung für Eltern wie Tochter, da uns dieses „Vergnügen“ bisher nicht vergönnt war – der Ganztagsschule inklusive Lernzeit sei Dank. Nun steht fest: Mama und Papa sind keine Lehrer, die große Tochter liebt die Schule, die Kleine löst vor der Einschulung Zweitklassaufgaben, und Oma als pensionierte Lehrerin kann Diktate und das Einmaleins per Skype besser als alle anderen erklären. Jeden zweiten Tag um 10 Uhr für eine halbe Stunde. Deutlich mehr Digitalisierung als von der Grundschule, die nur Arbeitsblätter ausgibt und ohne Feedback einsammelt. Uns machen Kita-Morgenkreis, Flöten-Unterricht und Familienfeiern via Skype, Zoom oder Teams nur halb so viel Spaß.

Anfangs hoffen alle, dass wir nach den Osterferien wieder in unseren gewohnten Trott zurückkehren. Zu früh gefreut! Die Geschäfte öffnen, aber die Kinder bleiben daheim. Wir richten uns mit Homeschooling ein, während die Überlebenschancen der Radissimo GmbH mit jeder Verlängerung der Reisewarnungen schwinden.

Neuanfang oder der Anfang vom Ende?

Donnerstag, 18.3.2020 um 15 Uhr: einer der emotionalsten und gleichzeitig schwierigsten Momente meines Unternehmerinnendaseins. Das Treffen mit dem Insolvenzverwalter und anschließend die Betriebsversammlung. Mein Team erfährt, dass der Insolvenzantrag beim Amtsgericht eingegangen ist. Die ersten Worte meiner Rede sind klar, dann kommen die Tränen und der Insolvenzverwalter und mein Unternehmensberater übernehmen die trockenen, traurigen Details. Sie erklären, was ein vorläufiges Insolvenzverfahren ist, was Insolvenzgeld bedeutet, wie es mit den Arbeitsplätzen weitergeht, ob es das Anfang vom Ende ist oder die Chance auf einen Neuanfang für Radissimo gibt. Auch für mich völliges Neuland, und ich finde viele Informationen, wie man finanziell, personell und rechtlich mit einer Firmeninsolvenz umgeht. Aber was ist mir mir? Wie soll ich mich verhalten, als Person, als Chefin, als Dienstleisterin? Es bleibt mir nichts anderes übrig als mutig rauszugehen und offen darüber zu sprechen.

Interview mit Kristine Simonis: Darum habe ich den Insolvenzantrag für Radissimo Radreisen gestellt.

Es ist schwer und wird noch schwerer, als ich höre „Eins ist klar, Frau Simonis, jetzt lassen wir Sie nicht im Stich! Wir sind alle morgen da und kämpfen mit Ihnen!“. Nicht erst jetzt weiß ich, dass ich das beste Team der Welt habe! Ich werde immer dankbar sein, dass ich diese großartigen Menschen auf der Radissimo-Reise an meiner Seite hatte. Ich vermisse sie sehr!

Wir hoffen und planen gemeinsam, wie wir Radissimo aus diesem tiefen Tal retten können. Doch die äußeren Umstände lassen uns keine Möglichkeit, mein Unternehmen wieder auf Kurs zu bringen. Unsere gemeinsame Reise endet. Das Insolvenzverfahren wird eröffnet, und anschließend die GmbH abgewickelt. Bis dahin heißt es für mich Ordnung schaffen, Unterlagen sortieren, Buchhaltung abschließen, Kunden, Gläubiger und Partner informieren und mich innerlich auf den Abschied vorzubereiten. Zum Schluss geht es schnell. Innerhalb von wenigen Stunden werden die Unterlagen und technischen Geräte ausgeräumt. Glücklicherweise sind meine Mädels da, so dass ich funktioniere und nicht zusammenbreche. Das schöne Büro liegt in Trümmern, als ich ein letztes Mal abschließe und den Schlüssel dem Insolvenzverwalter übergebe. Genau 15,5 Jahre habe ich darum gekämpft mein „Baby“ in ein erfolgreiches Unternehmen zu verwandeln. Es ist geglückt und trotzdem ist es jetzt vorbei; aus und vorbei; für immer!

Endlich Elternzeit: Schwimmen, Experimentieren, Zelten

Und nun stehe ich da: eine Unternehmerin ohne Unternehmen. Wer bin ich eigentlich? Was tue ich jetzt? Ich habe so viel Zeit für mich und meine Familie wie noch nie. So viel, dass es mich manchmal überfordert. Ich versuche der Situation eine neue Perspektive zu geben, um nicht in ein tiefes Loch zu fallen. Die Mädels sind daheim und freuen sich, dass Mama und Papa (in Kurzarbeit) viel Zeit haben. Ich beschließe die Elternzeit nachzuholen, die ich nie hatte. Denn ich hatte noch an den Tagen vor den Geburten gearbeitet und bin nach wenigen Wochen wieder voll eingestiegen. Stefan hatte jeweils 9 Monate Elternzeit und mir die Mädels zum Stillen ins Büro gebracht. Jetzt bin also ich dran.

Wir genießen das schöne Wetter im Garten oder im Schwimmbad, machen Ausflüge zum Baggersee oder an die Alb. Daheim nutzen wir die digitalen Angebote zum Experimentieren vom KIT Karlsruhe. Wir backen, nähen, puzzeln, rätseln, gucken täglich „Sendung mit der Maus“ und lernen zusammen mit Arbeitsblättern, Apps und Spielen. Außerdem werden die beiden selbständig und erkunden auf eigene Faust die Nachbarschaft mit ihren Puppenkinderwägen, beim Roller oder Inlinerfahren. Kein Vergleich zur Elternzeit meines Mannes. 🙂

Im Sommer verabschieden wir uns von 8 Jahren Kita und Kindergarten. Glücklicherweise hat unsere „Kleine“ noch ein paar Tage mit ihren FreundInnen gemeinsam, bevor sie endlich „rausgeschmissen“ wird und bald ein Schulkind sein darf. Geübt hat sie ja schon fleißig beim Homeschooling ihrer Schwester. Eigentlich sollte es ein großes Gartenfest mit Erziehern, Eltern und Weggefährten aus den Jahren werden. Wir feiern wie alles dieses Jahr im ganz kleinen Kreis, machen Lagerfeuer und zelten im Garten.

Angestellt, aber wie?!?

Lange „untätig“ sein, liegt mir nicht. Daher soll möglichst bald eine neue Aufgabe her. Aber was? Und wo? Ich bin doch Unternehmerin! Aber noch mitten im Insolvenzverfahren und noch nicht bereit für eine neue Gründung.

Ich melde mich bei der Agentur für Arbeit arbeitssuchend. Ansprüche habe ich als ehemalige geschäftsführende GmbH-Gesellschafterin nicht, aber ich hoffe auf ein paar Tipps. Die letzte Bewerbung ist schließlich aus 2002, bevor ich mich in das Abenteuer Unternehmertum gewagt habe. Die zuständige Dame fragt nach meinen Kenntnissen und Fähigkeiten, die ich ihr ausführlich aufzähle. Ihr Kommentar: „Aha, Sie können also alles, aber nichts wirklich. Machen Sie sich keine Hoffnungen, dass wir für jemanden wie Sie etwas finden!“. Ok, vielen Dank für das motivierende Gespräch… Also alles auf eigene Faust. Ich klicke ich mich durch Stellenangebote und freunde mich mit dem Gedanken an, bald feste Arbeitszeiten und einen Chef oder Chefin über mir zu haben. Mir ist klar, dass es nicht leicht wird in einer der größten Krisen auf Jobsuche zu gehen. Zumal es etwas Sinnvolles mit Perspektive sein sollte.  

Des einen Freud, des anderen Leid. Die Touristik ist trotz kurzer Lichtblicke fürs gesamte Jahr eingebrochen, während die Fahrradbranche boomt. Die Fahrradläden können sich vor Nachfrage kaum retten. So kommt es, dass der ehemalige Radissimo-Fahrradverleiher, mit dem wir große Pläne für dieses Jahr hatten, Unterstützung sucht. Ich bin sehr dankbar, dass ich bei Rumler E-Bikes eine neue berufliche Heimat mit Zukunftsperspektive gefunden habe.

Ich bin also plötzlich Angestellte. Aber wie bitte schön geht das? Über 15 Jahre habe ich mich bemüht eine gute Chefin zu sein und für mein Team zu sorgen. Jetzt wechsle ich die Seiten und habe keine Ahnung, wie das funktioniert. Es ist leichter gesagt, als getan. Das letzte Wort, den Zeitplan, die Entscheidungen, die Zuständigkeiten, die Richtung, in die wir laufen – all das bestimme nicht mehr ich. Es gibt Tage, da fühlt es sich leicht an, und an anderen Tagen meldet sich mein Unternehmerinnenherz lautstark zu Wort. Im Moment bin ich rundum zufrieden und überzeugt, dass ich auch als Angestellte etwas bewegen kann. Außerdem ist der Seitenwechsel eine großartige Erfahrung, um in Zukunft eine noch bessere Chefin zu sein.

Re-Starter

Oft frage ich mich, warum ich mir so klar war (und auch heute noch bin), dass die Insolvenz die richtige Entscheidung war. Meine Kollegen und Mitbewerber gehen alle einen anderen Weg. Ich habe diesen Entschluss niemals bereut. Ich hätte nicht die Kraft und Mittel gehabt, die letzten neun Monate ohne Aussicht auf baldige Besserung durchzuhalten. Ich hätte seitdem keine Nacht geschlafen und wäre inzwischen ausgebrannt.

Ich bin überzeugt, dass der Workshop der Team U – Restart gGmbH Anfang März zum Thema „Re-Starter: Krisenerfahrungen als Chance für den zweiten Anlauf“ den Ausschlag gegeben hat. Ich habe „gescheiterte“ UnternehmerInnen kennengelernt, die eine Firmeninsolvenz überlebt haben. Ja, überlebt. Denn es gibt ein Leben nach dem Scheitern. Aus deren Erfahrungsberichte habe ich drei Dinge mitgenommen: früh reagieren, um Hilfe bitten und ehrlich mit allen Beteiligten sein. Genauso habe ich gehandelt.

DanubeChance 2.0 – Re-Start Krisenerfahrungen als Chance für den zweiten Anlauf

Der Workshop hat mir Mut gemacht. Ich habe gesehen, dass eine Insolvenz nicht das Ende bedeuten muss, sondern der Anfang von etwas Besseren sein kann. Das gilt auch für mich, solange die wichtigen Menschen um mich herum zu mir halten. Ich kann jederzeit wieder neu anfangen. Ich werde besser sein, als ich es bisher schon gewesen bin. Ich werde das alles in viel kürzerer Zeit schaffen. Dabei helfen mir alle Erfahrungen, Erfolge, Fehler und Krisen aus der Vergangenheit und vor allem aus diesem Jahr.

Daher bin ich stolz, dass ich für das Pilotprojekt „DanubeChance 2.0 – Inkubationsprogramm für Re-Starter“ der Steinbeis 2i GmbH ausgewählt wurde. Ich weiß, dass meine Reise als Unternehmerin noch nicht zu Ende ist.

Viele besondere Momente

Dieses Jahr hatte viele besondere Erlebnisse, an die ich gerne zurückdenken werde:

  • Kita Abschied
  • Einschulung ohne Feier
  • Hochzeit meines Bruders
  • Zelten im Wohnzimmer
  • Abschiedsgrillen in der Pfalz
  • Lautstark Singen und Musizieren daheim
  • Handstand mit Sympatexter und meinen Mädels
  • Kindergeburtstag spontan vorziehen
  • Auf die Badner Höhe und um die Schwarzenbachtalsperre wandern, während wir die letzten Gäste in der Jugendherberge sind.
  • Laternelaufen
  • Geburtagswoche im Lockdown (Kuchen, Waffeln, Lebekuchenhaus, Fensterbilder, Nähen,…)
  • 1. ADFC Rad- und Reisemesse Karlsruhe
  • Vortrag beim Hirsch-Reisetag

Emotionale Achterbahn: Mut tut gut

Dieses Jahr war eine riesige emotionale Achterbahn. Unvergessliche schöne Momente und kleine Erfolgserlebnisse liegen direkt neben meinem größten Scheitern. Wahrscheinlich ist eine Firmeninsolvenz das größtmögliche Scheitern im Leben einer Unternehmerin. Was kann es schon Schlimmeres geben? Vieles, sehr vieles. Das ist mir jetzt klar. Scheitern gehört zum Leben, und ich brauche keine Angst davor zu haben, sondern kann mutig den Sprung ins kalte Wasser wagen und trotzdem wieder auftauchen.

Ich scheitere jeden Tag mehrmals im Kleinen, und manchmal eben auch im Großen. Solange es meiner Familie, meinen Freunden und mir gut geht, wir gesund sind, ich mein Bestes gegeben habe, ich offen und ehrlich mit meinen Mitmenschen und mir selbst bin, gibt es immer einen Ausweg. Ich weiß, dass der Weg nicht gleich erkennbar ist, aber es gibt ihn. Ich kann ihn finden, wenn ich mir die nötige Zeit gebe. Das war schon immer so und darauf kann ich mich verlassen.

Am Ende bin ich in diesem Jahr über mich hinaus gewachsen. Es hat mich stärker und größer gemacht. Jetzt wo ich zurückblicke steht fest, dass ich einiges loslassen werde. Aber den Mut behalte ich. Denn Mut tut mir gut!

Ausblick 2021

Im nächsten Jahr will ich viel bewegen und genießen

  • Menschen umarmen, Hände schütteln und fremde Menschen kennenlernen
  • Viele Feste feiern (nachholen) und geliebte Menschen zum Essen einladen
  • Familienurlaub am Meer und eine Woche wandern
  • Zweimal Fasten und einen Monat zuckerfrei leben
  • Tagebuch führen und meine Geschichte erzählen
  • Freunde finden und Menschen, die mich inspirieren und motivieren
  • Coaching für Restarter
  • Ein Unternehmen gründen – gerne im Team

Mein Motto für 2021 wird: MACHEN.

Inspired byJahresrückblog von Judith Sympatexter Peters !

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3 Kommentare bei „Jahresrückblick 2020: Mut tut gut!“

  1. E.Albrecht-Hirsch sagt: Antworten

    Liebe Frau Simonis
    Ich bin ganz beeindruckt und kann in fast allem zustimmen…Sie werden neue Ideen auf den Markt bringen und sind trotz Kummer und Weinen eine starke Frau…alles Beste
    Ihre Elke Hirsch

    1. Herzlichen Dank für Ihre motivierenden Worte, liebe Frau Hirsch!

  2. Hallo Frau Simonis,
    wirklich spannende Geschichte. Ist wahrscheinlich emotional gar nicht so einfach. Aber irgendwie, und das ist am Ende positiv, bleiben Sie ja der Fahrradbranche erhalten.
    Schade, dass es auch die Domain radissimo.de nicht mehr gibt, habe da immer wieder etwas gelesen!
    Wo ich aber gespannt bin: Wenn der Lockdown vorbei ist, werden wahrscheinlich ziemlich viele, die sich jetzt ein neues E-Bike gekauft haben, auf Reisen gehen. Für die kleinen ist das aber alles schwierig. Denn 1-2 Jahre Schulden anhäufen ist natürlich auch extremst unbefriedigend…
    Deshalb, mutige und spannende Geschichte!!!

    Grüßle nach Baden aus Schwaben,
    Markus Vogt

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Kristine Simonis